Die leise kunst des staunens

(Oktober 2025)

 

Mir scheint, als suche ich sie immer ein bisschen öfters – 

und finde sie immer ein wenig mehr: 

Diese Momente, in denen die Welt in mir plötzlich weit wird. 

 

Nicht, weil etwas Außergewöhnliches geschieht, sondern weil etwas in mir berührt wird, was meine Augen gross werden lässt. 

Wie Kinderaugen, die das Staunen nicht verlernt haben, weil vieles noch neu ist und sie tief drin wissen, wie bedeutsam ein erstes Mal ist. 

 

Ja, dieses eine erste Mal, das sich nicht mehr zurückholen lässt. 

Es gehört nur einem einzigen magischen Augenblick, den wir so oft vergessen, 
als wäre er unwichtig. 

Doch genau solche Momente erschaffen Weite: 

ein inneres Aufleuchten. 

Ein Innehalten. 

Ein tiefes Ja. 

 

Für mich ist das: Faszination. 

 

Sie ist wie ein leiser Strom, der durch mich hindurchfließt, wenn ich ganz bei etwas bin – und gleichzeitig ganz bei mir. 

Der Anfang von etwas Grösserem, als es der Geist manchmal in seinen Erklärungen jemals erfassen könnte. 

Wenn ich den Mond erblicke zwischen den Silhouetten-gezeichneten Ästen – geheimnisvoll und doch verlässlich da – jede Nacht, 

und dennoch erscheint er mir in diesem Augenblick wie ein persönliches Geschenk. 

Weil ich sehe. 

Weil ich ihn betrachte und das Schöne erkenne. 

Das verbindende Etwas, das auf einmal spürbar wird und sich unter die leisen Gedankenstimmen legt, die für einen Atemzug verstummen. 

 

Alles geschieht gleichzeitig und zugleich in einer einzigen stillen Sekunde, 

in der die Zeit sich dehnt und innehält. 

So voller Faszination kann eine Mondbegegnung sein. 

Fast wie eine Brücke zwischen Welten: 

zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

Wie eine Feder, die am Boden liegt, genau dort, wo man sie am wenigsten erwarten würde. 

Ich erblickte sie heute wiederholt an nur einem Tag an verschiedenen Orten,

als hätte eine unsichtbare Hand sie dorthin gelegt, so gekonnt arrangiert und mit Zufall beträufelt, um zu sagen:

Da ist mehr.

Das, was dazwischen mitspricht - zwischen dem, was ich zu wissen glaube, 
und dem, was ich auf einmal spüre. 
Weil ich es in diesen Augenblicken wahrhaftig erlebe.

 
Wie in einer eigenen Welt, wenn das schamanische Trommeln beginnt. 

Dann ist sie sofort da: 

jene Faszination, die sich in reiner Vibration zeigt.
Sie geht nicht nur durch die Luft, sondern durchdringt meinen Körper,

meine Haut und meine Empfindungen.

 

Der Herzschlag wird ein anderer, passt sich an und wird zum Gefährten des Rhythmus.

Es ist, als würde die Trommel nicht im Außen schlagen,

sondern in mir selbst.

Als würde sie einen uralten Klang erinnern,

den ich nie gelernt habe und dem ich dennoch blind vertraue.

 

In diesem Moment ist alles klar: 
Ich brauche nichts anderes als genau das. 
Als ob alles da ist, was mich trägt. 

Vielleicht ist es die Erde, auf der ich stehe,

vielleicht der Klang,

oder das schlichte Gegenwärtigsein, das irgendwo darin gelingt.

Es spielt im Grunde keine Rolle – denn ich komme an, 

bin ganz da –

endlich wieder.

 

Diese Faszination weckt in mir ein Staunen, das im Lärm des Alltags so leicht verloren geht. Wenn Termine mich hetzen, wenn die To-dos schwer wiegen,

wenn der Tag mir eher geschieht, als dass ich ihn wirklich lebe.


Und dann –

kommt der Sonnenaufgang.

Ich stehe am Fenster, der Himmel verfärbt sich auf seine eigensinnige Weise,

und etwas in mir hält den Atem an.

Dann weiss ich:

Auch ich darf neu beginnen.

Heute.

Hier.

Jetzt.

 

Faszination beginnt oft dort, wo ein Wunsch kaum gewagt ausgesprochen wurde.
Ein Satz, ein Bild, 
ein leises «Was wäre, wenn»… 

Und plötzlich öffnet sich ein Raum, in dem das Leben zustimmt.
Dieses Leuchten in den Augen meines Partners, 
wenn er vom Traktorfahren erzählt - von Kindheitsfreuden, von Weite und von Kraft, die sich gut anfühlt.

Seine Klarheit in der Stimme, sein strahlendes Erinnern –

sie erreichen mich.
Und etwas in mir sagt: Davon wünsche ich mehr.
Ein Geschenk, das zurückfließt – von ihm zu mir, von mir zu ihm.


Ich staune immer wieder, wie Wirklichkeit sich formt, 
wenn Herz, Begegnung und Zeit sich aneinander anlehnen dürfen.
Wie ein Freund genau in dem Moment auftaucht, in dem Unterstützung zu einer Brücke wird. Wie Verfügbarkeit zu einer Art stiller Liebe wird – 

einfach da sein, 
mitdenken, 
gemeinsam was tun und möglich machen.
 
So werden aus drei Menschen ein kleines Geflecht aus Freude und Absicht.
Sie fahren Traktor und ich halte auf meine Art fest, 

was ich kaum in Worte fassen kann:
wie Glück Gesichter hell werden lässt und wie Seelen sich zeigen.
Wie zwei Männer Bäume fällen und gleichzeitig alte Bubenträume neu aufleben. 
 

Ein Abenteuer, das sich selbst geboren hat – 

größer, echter. 

Und noch schöner, als ich es hätte ausmalen können.

All das erwuchs bloss aus dem leisen Wunsch heraus: 

Davon wünsche ich mehr.
 

Mein Partner – erfüllt.
Mein Freund – strahlend.
Ich – staunend.

Und irgendwo zwischen Motorengeräuschen, Holzduft und der frischen Freiheit dieses Tages schwingt ein stilles Wissen mit:

Dass Freude sich vervielfacht, wenn sie geteilt wird.
Dass Verbundenheit Wirklichkeit formt.
Und dass das Leben manchmal nichts anderes will, 
als sich in genau solchen Momenten zu zeigen – 
ungeplant und ungeschminkt.
Wahr... 

Faszination ist, glaube ich, die leise Erinnerung daran, dass das Leben ein Wunder ist – auch mitten im Gewöhnlichen.

Sie bringt uns zurück zu einer neugierigen Kindlichkeit,

zu einer Sehnsucht, die manchmal vielleicht wehtut,

und gleichzeitig so ehrlich ruft.

Sie wohnt in uns – 

und bringt uns selbst wieder heim.

 

Ja, Faszination ist ein Ruf.

Einer, der erklingt, um in uns etwas wachzurufen.

Er fragt:

„Siehst du es?

Fühlst du es gerade?

Bist du noch da, in deinem eigenen Leben?“

 

Sie ist ein seelisches Echo.

Eine Antwort auf etwas, das größer ist als wir und uns dennoch zutiefst gehört.

 

Ich glaube, sie durchbricht Gewohnheit, stellt unsere Welt sorgfältig auf den Kopf und öffnet genau dadurch neue Räume:

für Kreativität,

für Erkenntnis.

Und wahrscheinlich auch für Heilung.

 

Faszination ist wie ein Portal, durch das wir Zugang finden zu dem, was sonst verborgen bleibt – 

in uns selbst und im Leben.

 

Sie erlaubt mir, Fragen zu stellen, die im Alltag oft zu leise werden:

Was berührt mich wirklich?

Was lässt mich aufhorchen?

Was zieht mich so sehr an, dass ich alles andere vergesse?

 

Vielleicht brauchen wir genau das:

wieder lernen zu staunen und uns berühren zu lassen.

Wieder riechen, schmecken, hören, als wäre alles neu.

Wie die Welt zum ersten Mal betreten -

mit wachem Herzen.

 

Während ich darüber schreibe und diese Worte durch mich hindurchfliessen, frage ich mich:

Was würde geschehen, wenn wir die Faszination öfter zurückrufen in unser Leben?

 

Vielleicht beginnt es mit dem Mut, etwas langsamer zu werden.

Mit dem Mut, still zu sein.

Mit der Möglichkeit, nicht zu funktionieren, sondern zu lauschen und jenen inneren Impulsen zu folgen, die nach unserer eigenen Wahrheit klingen.

 

Oder dem Klang der Trommel.

Dem Licht, das durch die Äste fällt.

Den ausgesprochenen und noch herumschwebenden Ideen, die sich im Raum sammeln wie unsichtbare Besucher. 

 

Und vielleicht beginnt es auch damit, wieder öfter Dinge zu tun, 

die uns wirklich berühren:

Singen, wenn niemand zuhört.

Oder eben genau dann, wenn es jemand tut.

Barfuß gehen, weil der Boden lebendig ist.

Einen Brief schreiben und nichts dabei „erreichen“ wollen –

außer den Moment selbst.

 

Faszination lebt nicht im Lärm.

Sie wohnt in uns.

Dort, wo wir echt sind und wo das Leben uns auf hingebungsvolle Weise einlädt mit ihm aufzublühen.

 

Vielleicht ist es genau das, was wir wieder lernen dürfen:


uns einladen lassen.

Vom Leben.

Von einem Klang.

Von einem Blitzgedanken, der nach Abenteuer schmeckt.

Von einer Geschichte, die darauf wartet, 

realisiert und erlebt zu werden.

 

Von mir.
Von dir.
 
Von uns
...