Der Tanz, der nur der geist erkennt
(August 2025)
Ich gehe.
Schritt für Schritt, ohne Eile.
Als hätte die Zeit beschlossen, sich für mich auszudehnen.
Jeder Atemzug zieht mich etwas tiefer in das Jetzt.
Kein Gestern, kein Morgen -
nur dieser Weg unter meinen Füßen, mitten in einer Welt, die zu atmen scheint.
Die Grillen zirpen, die Kuhglocken klingen wie ferne Tempelglocken, ein Vogel ruft dazwischen und verschwindet wieder.
Und irgendwo zwischen diesen Tönen höre ich mich selbst –
das rhythmische Knirschen meiner Schritte,
ein tonloses Gedankensummen,
das mich still erfüllt.
Ich rieche den Morgentau, die klare Bergluft, die wie die ersten Seiten in einem unbeschriebenen Buch duftet.
Nichts will ich festhalten.
Nichts muss geschehen.
Es tut einfach nur gut, zu gehen.
Erinnerungen an meine Momente auf dem Zen-Kissen tauchen auf.
Diese frühmorgendlichen Augenblicke, in denen es nichts gab als ich, den gewählten Platz an der Wand und das Sitzen.
Nur Sein – absichtslos, unverstellt,
und doch voller Welt.
Heute ist es anders, und doch auf wunderbare Weise gleich.
Die Natur ist mein Zen-Garten, der Weg mein Kissen, die Geräusche mein stilles Schweigen.
In dieser Verbindung merke ich:
Zen ist nicht an einen Raum der Stille gebunden.
Zen entsteht dort, wo ich still werde.
In der Ferne erscheint ein kleiner Bauernhof,
eingebettet in saftiges Grün.
Vor dem Haus flattert eine Fahne im Wind,
mal weich, mal mit kraftvollem Ruck.
Ich bleibe stehen und schaue ihrem Tanz zu.
Da steigt aus einem verborgenen Raum in mir ein Koan auf:
„Zwei Mönche beobachten eine Fahne, die im Wind weht.
Der eine sagt: ‚Die Fahne bewegt sich.‘
Der andere sagt: ‚Der Wind bewegt sich.‘
Ein Meister, der das hört, spricht: ‚Nicht der Wind bewegt sich, nicht die Fahne.
Dein Geist bewegt sich.‘“
Wie ein Himmelsgeschenk taucht er auf – plötzlich da, als wäre er vom Wind herbeigetragen.
Unerklärbar, woher…
Ein Koan ist kein Rätsel, das gelöst werden will.
Er ist ein Tor, das nur aufgeht, wenn das Denken losgelassen wird.
Er führt uns dorthin, wo Worte aufhören und Erfahrung beginnt.
«Die Stille liefert uns die Antworten», hörte ich kürzlich von einer Zenmeisterin - manchmal sogar ein Verstehen, lange bevor Erkenntnis möglich wäre.
Dieser Koan erinnert mich nun:
Es ist nicht die Natur, die heute lebendiger ist.
Es ist mein Geist, der still genug wurde,
um den Fahnentanz wahrzunehmen.
Ich gehe weiter.
Mitten auf einer Weide erblicke ich eine Kuh.
Sie frisst bedächtig, geht ein paar Schritte und frisst weiter.
Dann hebt sie, als hätte sie meinen Blick bemerkt, langsam den Kopf.
Unsere Augen treffen sich.
In diesem Blick liegt etwas Unerschütterliches,
eine Gelassenheit, die mich lächeln lässt und gleichzeitig schweigen lässt.
Ein wahrer Augen-Blick.
Es fühlt sich an, als hätten wir uns schon einmal gesehen -
in einer stillen Weite, in der Zeit keine Rolle spielt.
Und da, als hätte die Kuh ihn selbst ausgesprochen, taucht ein zweiter Koan in mir auf:
„Zeige mir dein ursprüngliches Gesicht,
bevor deine Eltern geboren wurden.“
Welches Gesicht könnte das sein?
Sicher nicht das, das im Spiegel lächelt oder altert.
Vielleicht das, das keine Geschichte trägt.
Das wahre Gesicht ohne Rollen, ohne Vergangenheit -
jenes, das schon immer da war, lange bevor wir einen Namen bekommen.
Die Kuh schaut mich noch einen Atemzug lang an,
kaut ruhig weiter, als hätte sie verstanden, dass ich gerade etwas begriffen habe.
Dann senkt sie den Kopf wieder ins Gras,
als hätte sie mir bereits alles gesagt.
In ihrem schlichten Dasein spüre ich:
Es ist möglich, vollkommen im Einklang zu sein mit dem, was ist.
Während ich weitergehe und darüber nachdenke,
scheint es, als berühre ich kurz etwas Wesentliches -
in der Weite des Himmels, im Duft der nassen Erde.
Mein ursprüngliches Gesicht ist vielleicht kein Bild,
sondern eine Erfahrung:
ganz zu sein, ohne etwas sein zu müssen.
Ein pures Dasein - so rein und urteilsfrei wie die Kuh vor mir.
Zwischen Kuhglocken und Vogelruf wird mir klar:
Dieser Weg,
dieser Tag,
diese Präsenz -
sie sind Geschenke, die ich nur empfangen kann,
wenn ich aufhöre zu begreifen.
Vielleicht - wenn wir aufhören, etwas zu suchen -,
beginnt sich alles von selbst zu zeigen.
Und vielleicht begegnen wir uns gerade am tiefsten,
wenn wir glauben,
„nur zu gehen“...
Wann warst du zuletzt so präsent,
dass du die Welt wie zum ersten Mal gesehen hast?
Und was verändert sich in dir,
wenn du aufhörst, die Dinge zu benennen –
und sie einfach nur wahrnimmst?