Was zwischen Land und Wasser liegt

(Januar 2026)

Als ob ich fliegen würde – so leicht fühlt es sich an, während ich über den Sand springe. Neben mir das Rauschen und dröhnende Wellentosen des indischen Ozeans, vor mir endlose Weite voller Sandstrand. 
Der Süden Indiens umarmt mich. 
Doch dass ich hier renne, das ist neu für mich. 
Ein leises Anders. 
Es ist das erste Mal, dass ich während eines Ayurveda-Aufenthaltes joggen gehe, und ich finde das wunderbar. 
 
Zum ersten Mal erlebe ich Ayurveda und diese Erfahrung nicht alleine, sondern geteilt – im Dasein begleitet und in Begleitung an der Seite meines Partners. Und obwohl es bereits das vierte Eintauchen ist, empfängt mich diese Welt beinahe so ursprünglich und eindrücklich mit einer Frische, die an den Anfang erinnert. 
Ayurveda lässt mich ruhig werden und ankommen. 

Ohne benennen zu können, was sich genau vollzieht, geschieht etwas, das sich wie Heimkehr anfühlt. Als würde ich in eine eigene, besondere Welt innerhalb einer grösseren eintreten – getragen von einem alten Wissen, das still wirkt und meiner Meinung nach noch weiter reichen dürfte in der weiten Welt. Dass es da ist, zeigt sich darin, dass ich hier bin. Und in der Dankbarkeit, wieder in ihr Eingang gefunden zu haben. 

So gerne lasse ich mich berühren – wertschätzend und anhaltend. 
Von Düften und Farben, von Blicken und Lächeln und jener stillen, liebevollen Schönheit. Sie lebt im täglich frisch zubereiteten Essen, in der sorgsam gepflegten Natur und Umgebung, in den Gesichtern der Menschen, die hier wirken und sich grosszügig den Heilwegen anderer hingeben. Und etwas ebenso Markantes wie Kostbares offenbart sich in der Zeit selbst: Sie folgt hier einem anderen Rhythmus, fliesst hier anders. Oder vielleicht dehnt sie sich aus, weil ich langsamer geworden bin. 
 
In den frühen Stunden, wenn die Hitze noch zurückhaltend ist, wird der Strand für mich zu einem Ort der Freiheit. Der Körper findet seinen Rhythmus im Joggen, der Atem wird lebendiger, der Blick verliert sich auf dem endlosen Wasserteppich. Jeder Schritt ist Teil eines stillen Morgenrituals: Ankommen in diesem geschenkten Tag, im Körper, in meinem eigenen Tempo. Die Weite des indischen Ozeans vermag etwas Inneres zu öffnen, lässt Dankbarkeit aufsteigen und ein wohltuendes Staunen darüber, hier sein zu dürfen. 
Da ist so viel Freude, die mich ausfüllt und einhüllt zugleich. 

Am Strand liegt vieles offen. Nicht nur Sandkörner, Wellengeräusch und Horizont, sondern auch Welten, die sich berühren, ohne dieselbe Sprache zu sprechen. 


Je länger und immer weiter ich über den Sand gleite, desto verschiedener werden die Bilder, denen ich begegne. Inder, ich halte sie für Fischer, die im Sand kauern und in den Ozean blicken. Einige wirken zu schlaftrunken, als dass sie gerade fischen waren. Vielleicht Männer, die hier im Nichts übernachtet haben. Oder gar hier leben? Verwunderung berieselt mich. Einzelne erblicken mich aus der Ferne, fühlen sich offenbar in ihrem Alleinsein gestört und erheben sich. Sie richten ihre Stoffe und Röcke, blicken unsicher umher. Andere bleiben in ihrer Kauerstellung, tun das, was sie immer tun und lassen mich das tun, was ich gerade tue. Während ich an ihnen vorbeilaufe, wird mir einiges klar. Für manche ist der von Magie beträufelte Morgen hier ein Ort der Erledigung elementarer Bedürfnisse. Für andere ein Raum der Bewegung, des Gehens, des Ankommens im Hier und Jetzt. Dieselbe Küstenlinie zeigt sehr unterschiedliche Bedeutungen – und trägt sie gleichzeitig.


Mein Blick schweift mechanisch in die Ferne. Vielleicht, um ihnen die intime Privatsphäre irgendwie weiter zu gewähren, obschon unsere Nähe sie längst durchbrochen hat. Vielleicht, um meine wachsende Irritation zu verbergen, beträufelt von beschämter Unsicherheit, die meinen Laufschritt ungewollt beschleunigt. 


An einem so offenen, naturbelassenen Ort fühle ich mich auf einmal als Störende. Jemand, der Grenzen übergeht, wo keine sein sollten. Wo sich Augen abwenden, wo man sich begegnen könnte. Immer wieder erhaschen meine Augen Kotballen im Sand. Und mir wird bewusst, wie kontrastreich das Schöne und Natürliche sein kann.


Was hier zur alltäglichen Morgenroutine gehört, wirkt auf mich befremdend.
Und während sich dieses Gefühl ausbreitet, liegt auch anderes da. Abfall, der sich zwischen Sand und Fischerbooten sammelt. Plastik, Verpackungen, Überreste eines Alltags, der keinen geordneten Abschluss kennt. Für meine Augen – und vermutlich auch andere - wirkt das schmerzhaft, wie ein sichtbarer Mangel an Achtsamkeit. So viel Unberührtheit – neben so vielen Menschenspuren. Mein Denken wechselt ab zwischen Erkennen und Beobachten. Wie kann man so einer wunderschönen Naturdecke mit so viel Ignoranz begegnen? 


Doch auch dieser Müll erzählt eine Geschichte – von globalem Konsum ohne lokale Strukturen, von Materialien, die ihren Weg hierher gefunden haben, ohne dass Verantwortung mitgereist ist.

Als ob der Ozean hier alles säubert und wegmacht – wird hier alles mögliche liegen- und losgelassen. Liegt es an meiner Perspektive, dass dies hier befremdlich wirkt? Was hier als normal angesehen wird, berührt in mir anderes. Hinterlassenschaften werden dem Meer übergeben, im Vertrauen darauf, dass die Bewegung des Wassers alles fortträgt. Das Meer als etwas Grosses, Reinigendes, Übergeordnetes. Ein Denken, das aus Zeiten stammt, oder aus einem Bewusstsein, in dem Abfall noch ein Teil natürlicher Kreisläufe war. Heute aber trifft diese Vorstellung auf Materialien, die bleiben, sich verfangen und sich so selbstverständlich vermehren. Eine alte Logik trägt nicht mehr, und doch lebt sie weiter. Wie ein kultureller Bestandteil, der sich von anderen unterscheidet.
 

Ich erkenne Realitäten, in denen eine Wahlmöglichkeit begrenzt ist. Wo sonst hingehen, wenn es keine sanitären Anlagen hat? Wenn es keinen bewohnbaren Innenraum gibt? Keine Sammelsysteme, auf die man sich verlassen kann? Während für mich dieser Strand ein Erholungsraum ist, ist er für andere ein Lebensraum, eine Notlösung und vielleicht einen Übergang. Vielleicht erscheint das offene Meer auch schlicht als sinnvollere Option als zwischen Häusern, Strassen und verwildertes Dickicht. Wie weit liegen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit eigentlich zusammen?


Ich glaube, Moral wächst aus Bedingungen und aus dem, was verfügbar ist und was nicht. So wie ein anderes Bewusstsein oder eine feinere Art der Achtsamkeit ein anderes Denken hervorbringt, so werden auch andere Handlungen sichtbar. Was mich dieser Ort hier lehrt, vielleicht auch die Natur, dass beides nebeneinander vorkommt. Ich selbst entscheide, was ich sehe und wie ich es betrachten möchte. Die Natur an sich trägt Schönheit und Überforderung zugleich, lässt mich Freiheit und Belastung empfinden ebenso wie Weite und Spuren erkennen – alles an einem einzigen Ort.
 
So laufe ich weiter, Schritt für Schritt, zwischen Dankbarkeit und Irritation. Zwischen der Freude am eigenen Ritual und der Konfrontation mit einer Wirklichkeit, die ich nicht glätten muss. Beides ist wahr. Das Schöne, das nährt. Und die Zumutung, die wach macht und ungefragt zur Auseinandersetzung zwingt. 
Vielleicht liegt genau darin die Einladung dieses Ortes: nicht wegzusehen, nicht zu urteilen, sondern sich berühren zu lassen – vom Licht, vom Meer und von den vielen Schicksalen, die hier zusammenkommen.