Wenn das Leben zwei Wege kreuzt
(September 2025)
Ein Augenblick.
So gewöhnlich wie viele.
Von daher beinahe unbedeutend, und dennoch nahm ich ihn mit einer Wachheit wahr, deren Bedeutung sich erst später zeigen sollte.
Ein Mann, der neben dem Zebrastreifen über die Strasse ging.
Langsam. Schief. Mit seinen Krücken.
Er schien in sich versunken, als läge über seinem Gesicht eine zurückgezogene Stille.
Sein Blick nach innen gerichtet, als würde die Welt draussen nur am Rand existieren.
Etwas an ihm wirkte schwer.
Ich sah ihn, und er hob kurz den Kopf.
Doch wir begegneten uns nicht.
Wir gingen einfach aneinander vorbei - so, wie man Fremde streift, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
Die Zeit verging.
Augenblicke reihten sich aneinander und der Nachmittag floss dahin – so natürlich, wie Zeit eben fliesst.
Mein Spaziergang führte mich in den Wald, wo ich mich so gerne gedankenverloren treiben lasse. Planlos zwischen den Bäumen, ohne Zeitgefühl, alleine und zufrieden nach einem begegnungsreichen Tag in meiner Praxis.
Kaum jemand kam mir entgegen.
Ein angenehmes Wohlgefühl.
Irgendwann gelangte ich auf den Kiesweg, der am Waldrand entlangführt und mit erhabenem Weitblick wieder nach unten.
Und plötzlich kreuzten sich unsere Wege erneut.
Diesmal auf einem steilen, steinigen Wanderpfad.
Er - mit derselben Krücke.
Ich - in meinem vertrauten Laufschritt.
Und doch: Alles war anders.
Da war ein Lächeln.
Eines, das aus etwas Unsichtbarem zu kommen schien.
Liebgemeint, wie ein stilles Erkennen.
Sein Gruss erreichte mich, während meine Stimme noch ihren Klang suchte und im Flüstern blieb.
Ein Nicken, ein Atemzug – und wieder ein Augenblick.
Vielleicht so gewöhnlich wie viele, und doch war er es diesmal nicht.
Es kam mir vor, als würde das Leben sagen:
«Schau, ihr geht denselben Weg. Auf so unterschiedliche Weise.»
Ich blieb stehen.
Drehte mich um, um noch einmal hinzusehen.
Mein Blick umklammerte ihn – nicht um zu verstehen, sondern weil er in mir etwas berührt hatte, wofür ich keine Worte fand.
So unfassbar, schoss es mir durch den Kopf.
Und zugleich: so verbunden.
Auf demselben Weg.
Auf so unterschiedliche Weise.
Was war das?
War es Staunen - dass dieser Mensch mit seiner Einschränkung denselben steinigen Pfad gewählt hatte wie ich?
War es Rührung - weil ich seinen unvergleichlichen Willen spürte und meine eigene Verwunderung darüber?
Was war da in mir auf einmal so an-berührt, dass ich stehenbleiben und zurückschauen musste? Ein Foto schoss und… diesen Augenblick auch auf diese Art und Weise festhalten wollte?
Fast wie ein Zeichen.
Und eine Erinnerung daran, dass wir nie wissen, wer uns berührt.
Oder wann.
Doch wenn es geschieht, öffnet sich ein Raum in uns – jener kostbare Raum der absoluten Gegenwärtigkeit.
Es hatte etwas Geheimnisvolles, beinahe Magisches.
Ohne Erklärung, ohne Absicht.
Zwei Begegnungen, so verschieden, und doch wie ein einziger Faden im Gewebe eines kurzen, geteilten Zeitabschnitts.
Vermutlich ging es nie darum, es zu begreifen, sondern das Verbindende wahrzunehmen - dieses besondere «Etwas» darunter.
Solche Begegnungen sind wie leise Tore:
Sie öffnen etwas in uns, das wir nicht geplant haben.
Und manchmal genügt ein einziges echtes Lächeln, um eine Tiefe sichtbar zu machen, die sonst verborgen bleibt.
Was es war?
Vielleicht ein Augenblick – oder zwei.
Vielleicht ein stiller Moment der Verbundenheit.
Zwischen zwei Wegen, zwischen zwei Menschen, oder zwei Seelen, die sich kurz berührten und doch weitergingen –
nicht mehr ganz gleich wie zuvor.
Ich glaube, es sind nicht die lauten und anhaltenden Begegnungen, die uns formen, sondern jene flüchtigen, leisen, die ihre Spur in jenem innersten Raum hinterlassen, den nur unser Herzgeist kennt.