Im Schoss einer Einladung

(August 2025)

Ich weiß nicht genau, warum ich anhielt.

Eben noch trugen mich meine Schritte im vertrauten Rhythmus des Weges - mein Blick ruhte auf den Wiesen, die im Licht glühten,

auf der Weite neben mir und auf den blauen Bergblumen, deren zauberhaftes Strahlen mich zum Betrachten magisch angezogen hat.

 

Und dann war sie einfach da – die Fichte.

Majestätisch in ihrer Präsenz.

Mit ihren Nadeln im feinen Spiel mit dem Licht. 

 

Wie eine stille Wächterin am Rand des Pfades.

Etwas in mir antwortete auf sie - eine sanfte, aber unaufhaltsame Einladung.

Ich habe vieles über Bäume gelernt, gehört, verstanden. 
Sie faszinieren mich und nähren meine Neugier. Doch jedes Mal, wenn ich mich in diese unsichtbare Resonanz begebe, entsteht etwas Neues.

Etwas, das sich der gewohnten Sprache entzieht.

 

Also setzte ich mich unter ihr Dach aus Nadeln,

ließ meinen Rücken in den rauen Stamm sinken.

Der Duft von Harz und Erde füllte meine Lungen,

als hätte er mich für einen Augenblick in eine andere Zeit getragen.

 

Zuerst war da nur das Lauschen - dieses offene Hinhören,

bei dem die Geräusche nicht mehr draußen bleiben,

sondern durch mich hindurch strömen.

 

Warum hast du mich gerufen?


Der Wind spielte in ihren Zweigen und für einen Moment schien die Welt stillzustehen.

Zeitlose Stille über der Weite des Landschaftsbildes…

Da wurde mir klar:

Diese Fichte ist eine Hüterin der Ruhe. 

Die Antwort kam nicht als Stimme, sondern als Empfindung. 

Als würde sie mir zuflüstern: «Halte nicht alles fest, was nicht gehalten werden muss. Lass los, was dich beschwert.»

Es war, als würde im Innern jemand sanft über meinen Rücken streichen. 

So fühlt sich Gehaltenwerden an.

 

Ich blieb still.

Einen Moment länger als sonst.

Spürte den Stamm in meinem Rücken,

diese klare, unerschütterliche Kraft,

die weder drängt noch sträubt – die einfach ist.

 

Meine Gedanken wanderten zu den holprigen Herausforderungen, zu den Momenten, in denen ich gegen etwas und vielleicht auch gegen mich selbst ankämpfe - gegen ein Leben, das sich manchmal anders zeigt als erhofft.

Die Fichte stand dort, unbeirrt und standfest. 
Sie schien etwas in mir wachzurufen.

Auch sie hatte Stürme erlebt und warme Sommergewitter -

und stand auf ihre kraftvolle Weise noch immer hier.

Aufrecht.

Aufrichtig.


Ich spürte ihre Wurzeln tief in die Erde greifen

und erinnerte mich, dass auch ich verwurzelt bin –

in meiner Geschichte, in meinen Erinnerungen, in meinen Ängsten,

aber ebenso in jener Kraft, die uns Menschen wieder und wieder trägt.

Beides gehört dazu.


Beides gehört zu mir. 

 

Etwas in mir nickte.

Die Natur eilt nicht – und doch geschieht alles.


Und etwas in mir verstand.

 

Ich blieb noch eine Weile an diesem magischen Ort,

ließ Gedanken auftauchen und klanglos wieder versinken.

Da wurde mir klar:

Wir müssen nicht alles sofort wissen, nicht alles sofort schaffen.

Ich darf atmen, verlangsamen, die Gegenwart in mir wahrnehmen – 
und dabei geschieht so viel, so leise,

wie das Harz, das ihre Wunden verschließt,

unsichtbar für alle, und doch wirksam.  

 

Und während ich dort sass, merkte ich, 
dass ich nicht nur der Fichte lauschte,

sondern mir selbst –

in einer Sprache, die tiefer ist als Worte.

 

Mit geschlossenen Augen nahm ich alles in mich auf:

die Ruhe,

die Kraft,

die wahre Weisheit dieser Fichte, die mich zu sich eingeladen hatte. 

 

Als ich schliesslich weiterging, wusste ich: 

Diese Begegnung wird in mir nachklingen –

wie ein leiser Ruf, mich an die Fichte zu erinnern, und an das, 
was ich in ihrem Schoss gefunden habe…

Aus meiner kleinen Auszeit auf der Rigi – 
jene eine Fichte unter vielen, 
zu der ich immer wieder gerne zurückkehre…