Das leise archiv, das seinen Ausdruck findet

(Dezember 2025)

Zehn Jahre, sagtest du, seien vergangen.

Zehn Jahre! 

Eine Zeitspanne, die surreal wirkt, wenn man sich das vorstellt und es sich anfühlt, als hätte das Leben nur einmal kurz geatmet, seit wir uns damals begegnet sind. 

Diese sanfte Vertrautheit, die schon damals zwischen uns aufglühte, legt sich erneut wie ein feiner Schleier über unsere Gespräche.

 

Was ist das zwischen uns? 

Du fragst - und ich habe es mich unzählige Male ebenso gefragt.
Ich versuche dieses Gefühl zu greifen, zu benennen, zu ordnen - doch es entzieht sich. 

Weil die Sprache der Seele eine eigene Schwingung trägt.
 
Dann zeigst du mir deine Bilder - deine Kunst. 

Deine Art, das Leben zu sehen.
Im Betrachten deiner Werke sehe ich dein Wesen, das aus deinen Bildern spricht. 

Ich höre in deinem Erzählen mehr als nur Geschichten – ich höre das, was hinter ihnen steht. 

Vielleicht, weil ich viele Menschen begleite und dadurch viele Lebenswege erfahre. Es kommt mir vor, als würde ich in deinen Linien etwas erkennen, das ich kenne: 

die Ehrfurcht vor dem Innersten.

 

Sie zeigt sich dort, wo wir verlangsamen...

 

Und du hast dich hingesetzt, geduldig und präsent.

Um zu zeichnen: Ein Portrait einer Frau - mitten in der Erschütterung einer Krebsdiagnose.

Du hörst ihr zu, während deine Linien sprechen, 

hast ihr einen Raum gegeben, damit sich ihre Geschichte formen darf.

Sie ist eine von vielen. 

In deinen Bildern wird sichtbar, wie nah Schönheit und Tragik beieinander liegen – wie dicht Freude und Verzweiflung sich manchmal abwechseln. 

 

Wenn du davon erzählst, wechselt dein Blick in Nuancen,

deine Stimme trägt Schichten, während du Bild für Bild durchfächerst.

Ich schaue hin und lausche dem dazwischen.

Deine Kunstwerke erzählen Geschichten aus dem Leben und bewegen in dir das, was sich in deine Kunst hineinlegt – 

so viel Erstaunen, Freude und Erinnertes, 

neben Unverarbeitetem und Traurigem. 


Und dieses bebende Etwas, das alles sein könnte...

 

In deinem Wirken findet es Ausdruck – schonungslos ehrlich, 

wie das Leben selbst…

Und ich betrachte es – geehrt, all das mit dir teilen zu dürfen.

 

Dieses Projekt nimmt dich ein, während du dich ihm hingibst –

klar und zielgerichtet, und doch leise ahnend, was dabei sonst noch geschieht. 
Es mache was, meinst du. 

Mit dir. 

Mit den anderen. 

Mit der Zeit…

 

Ja! Und du machst zu all dem so viel Wunderbares daraus…

Ich sehe es – 

und bewundere es…

 

Unzählige Gemälde werden zu einem Sammelsurium: stille Heldinnen, die du in deiner Kunst ehrst und würdigst. 

Feine Lebenslinien, die sich berühren und in einen Mittelpunkt münden:

Dort, wo sie ausgestellt werden – im Spital auf der Onkologie, 
dort, wo viele Frauen denselben und dennoch einen unterschiedlichen Weg gehen. Und in deinem ausgewählten Museum, wo sie dich unterstützen, 
weil das, was durch dich hindurchfliesst, 
hinaus will in die Welt.

 
Wir sitzen am Waldrand auf jener Bank und sprechen über all das.

Über das Erlebte, über das Werdende und das, was uns formt.

Ich höre dir zu – 
und sinke gleichzeitig in eine andere Welt in mir, 

denn während ich lausche, erinnert sich vieles in mir.

 

Es berührt mich tief. Weil du das liebst, was dich findet. 

Und weil das Aussen darauf antwortet – mit Resonanz und Anerkennung.

Mit liebevollem Zuspruch, der dich leitet.

Du erzählst wahr und ungeschönt - über dich und das, was du empfindest, 
wenn du dem Leben natürlich und roh gegenüberstehst. 

 

Wahrhaftigkeit.

Ein Wort, das viele kennen und doch nur wenige leben.

Ich treffe es bei dir. 

Und darüber treffe ich auch wieder ein Stück meiner Wesensnatur.

 

Diese Orchestrierung aus Ereignissen erzeugt in mir einen Ton, 

fein und leise,

lässt mich aufhorchen und im selben Augenblick erkennen:  

Wie viel Kraft in einer einzigen Begegnung liegt. 
Wie tiefgreifend diese gehen können.

Da ist diese Echtheit, die sich zeigt, 

wenn Menschen bei sich selbst ankommen – 

wo sie lebendig und weit werden lässt. 

 

Du lebst es vor. 

 

Und ich erinnere mich an deinen Satz:

„Ich sehe das Bild.“

Wie oft dachte ich: Das ist unmöglich.
Und gleichzeitig erlebe ich es - mitten in meinem Leben.

Ich glaubte dir sofort, weil deine Worte selten nur Worte bleiben. 

Du verwandelst sie in Farben, Konturen und Bedeutung. 

Aus unsichtbaren Gedanken schaffst du ein Kunstwerk. 

Und als ich das Bild - einst bloss ein Gedanke in deinem Kopf - 
schliesslich in meinen Händen halte, 
erkenne ich mich –

von dir gezeichnet und festgehalten, 
in einer Weise, die mich weich macht.

Und zugleich wach.

So wird das Unsichtbare sichtbar.

In all deinen Briefen, in deinen Bildern und in deinen kleinen Geschenken, 

die wie von Zauberhand in meinem Briefkasten landen – 

federleicht, und doch von unschätzbarem Wert. 

Eine Resonanz, die selten ist -

und die mich ehrt.

 

Wie oft sehne ich mich nach genau solch einer Verbindung – 

nach Worten, die Räume öffnen, 

nach einem Austausch, der das Innere zum Schwingen bringt,

nach diesen stillen Versprechen, 

die niemand ausspricht, und die dennoch spürbar sind. 

Und nun geschieht es wieder. 

Wie vor zehn Jahren - 

vertraut. 


Und doch auf einer neuen Ebene.

 

Als wir weitergehen, fragst du mich unerwartet:
„Ist es dir passiert, dass jemand dir zu nahegekommen ist?“
Mein Nicken lässt mich still werden.

Das Atmen wird schwer und mein Schweigen wird zur Antwort. 
Denn in diesem Moment spüre ich, wie oft Nähe in meinem Leben zur Bedrohung wurde, wie oft mein Schutzsystem, reagierte, mich leitete, begrenzte und verwirrte.
Etwas in mir erwacht – 
und statt es wegzumachen, verweile ich darin, blicke zurück und erkenne, 
was war.

Aber auch die Ähnlichkeit im Jetzt.

Erkenntnis wächst aus deiner Frage, die mich erreicht.

Ich bin da und nehme all das in mir wahr.

Statt wegzugehen, bleibe ich.

Ich halte aus – und sehe hin.

Ich halte durch – weil es auf einmal möglich ist.
Und ich nehme an – an diesem Punkt auf meiner Linie.

 

Ein Spaziergang – 

und unsichtbare Antworten tropfen wie Erinnerungsregen vom Himmel. 

Sie legen sich auf mich und umschwirren mich wie sanfter Nebel.
 

Und während wir sprechen und schweigen, all das Erlebte und Unfassbare teilen, wird mir etwas klar: 

Worte reichen nicht.
Denn da ist mehr.
Da fliesst etwas zwischen uns, das sich nicht erklären will.
 
Inspiration.
Seelenbewegung.
Leises Verstehen.
 
Wenn wir schweigen, legt sich Dankbarkeit über uns -
grösser als Worte,

grösser als Wissen,

grösser als alles andere und das darüber.
 

Und irgendwann beginne ich zu schreiben,

da, wo die Inspiration es erlaubt.

Ich halte diese Dinge fest und erzähle dir davon. 

Als ob sich etwas erinnert – und gleichzeitig versteht.

Ein Wunsch wird zum Erleben, was wir ausdehnen und noch weiter ausbreiten können. Das, was dabei entsteht, ist nur ein kleiner Fingerabdruck von dem, 
was in uns geschieht.

Es ist Heilung.
Oder Bewusstwerden.

Ein leises Dableiben.
 
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich all das hier festhalte:
Weil es Zeit ist.
Weil etwas in mir aufwacht.
Weil diese unsichtbaren Antworten leise fallen und sich in mir sammeln. 
 
Wie ein Archiv.

Ein kostbares, wachsendes Archiv, in dem Begegnungen ihre Spuren hinterlassen, bis sie irgendwann ihren Ausdruck finden –

in unseren Worten, 
in deinen Bildern, 

im gegenwärtigen Augenblick.

 

Und ich staune.
Immer wieder.
Über dich.
Über mich.

Über das, was zwischen Menschen möglich ist, 
wenn wir uns erlauben, echt zu sein – 
und all das auf unsere Art und Weise sprechen lassen.



Mit einem lieben Dank an dich Urs -
ein besonderer Künstler und Wegbegleiter.

Für das Licht, das unsere Verbundenheit auf meine Welt wirft…

„Die Stille, die uns trägt“

 
"Unser Waldspaziergang klingt noch immer in mir nach.
Wie Lichtflecken, die zwischen den Zweigen tanzen und sich auf Haut und Gedanken legen.
Dieses Bild ist mein Versuch, diesen Moment festzuhalten:
Ein festgehaltener Atemzug.
Ein leises „Wir“, das sich im Papier ausbreitet."

(Urs)

„Ein Moment kurz vor einem Wort, 
das noch nicht gesprochen ist.“

(Urs)